Schamanische Arbeit in Ungarn 2007
Juli 2007
16.07.2007 Die Ankunft in Ungarn
Am Abend fahren an unseren geheimen, versteckten See. Die Sonne war am Untergehen. Der Himmel leuchtete rot. Die klar gezeichnete Mondsichel des zunehmenden Juli-Mondes schickte sich sichtlich an, den Abendstern einfangen zu wollen.
Am See waren ein paar ungarische Fischer am Werke. „Unseren“ Platz, den wir für unsere Reisen auserkoren hatten, liessen sie unberührt. Wir wollten aber die friedliche Stimmung am See nicht durch heidnisches Getrommel irritieren und begnügten uns mit einem Tabakopfer für den See und den Platz.

17. Juli 2007 Das Rufen der Geister in Ungarn
Bewaffnet mit einem Kompass versicherten wir uns, dass auch in Ungarn im Norden Norden ist. Den Osten markierten wir mit einem in den Boden gesteckten Zweig. Herumliegende Ästchen, versehen mit getrockneten Blättern, luden als Rasseln ein.
Aus dem Osten rufen wir die Spirits herbei. Wir riefen sie lange, doch niemand zeigte sich uns. So zogen wir unverdrossen den ersten Halbkreis von Norden, über den Osten, gen Süden. Daselbst angelangt war unser Blick direkt über den See gerichtet und wir riefen die Geister aus dem Süden.

Wanderer glöckelt, Thalia rasselt. Abermals nahmen wir nichts wahr, zogen den Kreis und drehten uns dem Westen zu.
Thalia’s Hirsch kam zaghaft aber kraftvoll aus dem Gebüsch hervor und
stand mit seinem hochgereckten Geweih vor uns. Nach dem Ziehen des
dritten Halbkreises riefen wir die Geister aus dem Norden. Dies brachte
ein Wesen mit mandelförmigen Augen hervor, was dem Wanderer aber dann
überhaupt nicht gefiel, hatten wir doch schon einige Begegnungen mit
diesen ETs.
Er schnappte sich flugs die Trommel und verscheuchte das Wesen wieder.
Im gleichen Atemzug zogen wir den Halbkreis, damit das Wesen draussen
bleiben musste. Wie sich später herausstellte, werden wir noch einiges
mit diesen ausserirdisch anmutenden Kreaturen in Ungarn zu tun haben.
Somit war der Kreis der Himmelsrichtungen gezogen. Wir zogen diesen
sehr gross, um den ganzen See herum, was Unmengen an Platz einschloss.
Nach dem Kreis über das Himmelszelt kam uns aus dem Boden noch ein Luchs entgegen und wir hiessen ihn freundlich willkommen. Er sah älter aus und die Haare an seinen Ohren waren lustig zerzaust.
Die Erdung.
Thalia liegt in einer kleinen Mulde auf unserem Platz und der Wanderer
trommelt im Gegenuhrzeigersinn um sie herum. Erst einen Herzrythmus,
dann schamanisches Trommeln.
Thalia versucht sich zu erden, aber das gelingt ihr nicht zu ihrer
Zufriedenheit. Es gelingt weder Wanderer, noch Thalia sich zu erden,
wir bleiben in der Luft, über dem Boden, aber Halt finden wir nicht. So
trommelt Wandy das Lied vom See, was uns mit dem See und allem
verbindet. Wir geniessen den See als See und die Landschaft als
Landschaft.
Wir gehen um den See herum und Wanderer trifft auf Hagalaz. Ein Zeichen, das wir zu dieser Zeit noch nicht deuten konnten.

19. Juli 2007 Der Hirsch aus dem See
Am See angekommen, machten wir uns erstmal gemütlich und begannen
irgendwann damit, die Geister zu rufen. Im Osten sass Schuschu schon
da, aus dem Süden kam direkt aus dem Wasser Cernunnos mit prächtigem
Geweih und imposanter Gestalt. Im Westen kam Thalia’s Hirsch, im Norden
ihr Weisskopfseeadler mit beiden Flügeln weit aufgespannt. Er ähnelte
vom Bild her einer Fledermaus mit den aufgespannten Flügeln, doch dafür
war er zu gross. Vom Himmel her zeigte sich die Schildkröte und der
Luchs kam aus dem Boden zu uns.
Thalia legte sich direkt ans Seeufer, die Füsse im Wasser.

Ein Tuch über den Kopf diente als Augenschutz. Wanderer trommelte lange
und nahm während seiner Reise abermals Cernunnos im Wasser wahr, der
sich Thalia näherte. Als der Hirschgott sich aus dem See erhob und nach
vorne beugte, verwandelte er sich in Thalia’s Hirschen. Sanft näherte
sich sein Kopf Thalia und sie wurde aus ihrem Körper geweht. Leicht
entschwand ihr Geist nach Osten. Da war mir klar, dass nun auch
Thalia’s Krafttiere wussten, dass es darum geht, ihr das Reisen ohne
Phantasie beizubringen. Wanderer kümmerte sich um die Pflege der
anderen Tiere, während der Hirsch über Thalia wachte auf ihrer Reise.
Thalia hat zuerst von links her die Schuschu kurz gesehen. Danach
fühlte sie, wie sich ihr Kopf in den Boden hineinzog, aber ihr Körper
blieb standhaft. Vor ihr, über den See, nahm sie eine Art Dreieck wahr,
konnte dies aber nicht identifizieren. Aber da war was vor ihr.

20. Juli 2007 Zerstückelungsreise für Thalia
Früh sind wir am See, die Nebel sind der Sonne noch nicht ganz gewichen.
Aus dem Osten erscheinen Thalia’s Hirsch und der Luchs, der uns schon
vorher am See begegnet ist. Im Süden zeigt sich erst Algiz, dann noch
ein Lebensbaum in Runenform. Aus dem Westen kommt Schuschu angeflogen
und ein Eichhörnchen mit buschigem Schwanz. Thalia’s Adler kommt sehr
nahe an uns heran, aus dem Norden. Beim Rufen der Geister von oben
schwebt eine grosse Wasserkugel von den naheliegenden Bäumen herbei. Im
Boden zeigt sich ein tiefroter und stellenweise oranger Lavastrom.

Thalia treibt in der mittleren Anderswelt auf den See hinaus, ihr
Hirsch begleitet sie und schwimmt rechts von ihr. Die Schuschu lässt
sich mittreiben, wie eine Ente.
In der Mitte des Sees angekommen lassen sich alle in den See
hinabsinken und schweben sanft bis auf den Seegrund. Der Weg hinunter
wird von einem Lebensbaum vorgegeben. An der Wasseroberfläche ist er
geöffnet und am Seegrund verwurzelt.
Auf dem Seegrund versammeln sich die Tiere um die daliegende Thalia:
ihr Hirsch, ihr Adler, ein Eichhörnchen und die Schuschu. Ein Fisch mit
rundem Gesicht und grossem Mund schwimmt vorbei.
Langsam färbt sich der Grund des See’s rot.
Um die Stelle, auf welcher Thalia liegt, wird es warm, dann heiss. In
der Hitze beginnt sie sich langsam aufzulösen, verkohlt stellenweise
und immer wieder bröckeln Stücke von ihr ab. Sie verbrennt, auf eine
weiche Art. Die leichte Strömung am Seegrund trägt kleine Fetzen von
ihr weg, die nicht hingehören und lässt diese im Boden verschwinden.
Thalia verweilt in diesem Zustand des Tod-Seins, Krafttiere und Helfertiere um sie versammelt.
Später beginnt ihr Hirsch mit dem Maul den Seeboden, auf dem Thalia
lag, aufzunehmen und formt ihre Füsse neu, inklusive Fussnagelbemalung.
Der Adler hilft mit und beide formen sie Thalia’s Beine, ihre Arme,
Hände und den Oberkörper. Am Kopf lassen sie sich Zeit und stoppen
unterhalb der Stelle, wo die Augen hinkommen.
Der Hirsch stellt sich über Thalia. Sein rotes und kräftig pochendes
Herz wird sichtbar. Er setzt sein Herz der neuen Thalia ein und es
beginnt warm und kräftig zu schlagen. Danach formen der Hirsch und der
Adler den Kopf fertig, wobei der Adler seine Augen an die Stelle von
Thalia’s Augen einsetzt.
Das Eichhörnchen fährt mit seinem buschigen Schwanz über die neu eingesetzten Augen.
Langsam steigen sie alle wieder am Lebensbaum hoch und schweben bis an die Wasseroberfläche. Dort erwartet die Wasserkugel bereits Thalia und nimmt sie in sich auf. Thalia erhebt sich in der Kugel über dem Wasser und steht aufrecht in ihr drin. Die Kugel belebt alle Lebensbahnen und lässt Thalia in der Sonne glitzern. Schliesslich nimmt die Kugel mehr und mehr Thalia’s Körperform an und wird zu ihr.

Thalia trommelt danach für den See.
Die Begleitung von Schuschu hinaus aufs Wasser hat mich etwas
irritiert. Als ob wir für dieses Vorhaben grossen Schutz benötigen
würden. Erst zeigte sich Algiz, der Lebensbaum und die Krafttiere waren
uns sehr nahe.
Später stellt sich heraus, dass der Boden des Sees, der Boden Ungarns ein für uns gefährliches Terrain ist. Er stammt aus alter Zeit, einer Zeit vor den Alpen.

22. Juli 2007 Trommeln in der Pusta
Den Sonnenaufgang am See zu erleben war das frühe Aufstehen
jedoch wert. Wir geniessen die Ruhe und trinken unseren mitgebrachten
Kaffee direkt am Wasser. Die Sonne steigt schnell hinter den Bäumen
hervor. Sie ist es, die uns Halt gibt. Die fehlende Erdung macht sie
wieder gut, indem sie uns den Lauf der Dinge, von welchem wir Teil
sind, vor Augen führt.

Wir sind müde und geniessen das Gefühl von einem Platz auf dieser Welt
an “unserem” See. Ich sammle einige Steinchen für eine Rassel. Ich
suche mir die klarsten und reinsten Steinchen vom Seeufer aus. Wie sich
später herausstellen wird, war das vergebene Lebensmühe. Alles, was wir
in Ungarn vom Boden fanden, Steinchen und Federn, brachten wir zurück.
Zu diesem Zeitpunkt war uns das aber noch nicht klar. So kam es dann am
Ende der Ferien zu einer Verlängerung.

Mein Augurium ist einem plötzlichem Verdunkeln des Himmels schlichtweg
nicht gewachsen. Ich bin in der Deutung überfordert, kann mir keinen
Reim darauf machen. In der Schweiz erlebe ich äusserst selten ein so
grosses Auftreten von Vögeln. Ich begnüge mich damit, mich darüber zu
freuen und ein Vertrauen zu empfinden, dass mir so viele Zeichen hier
in Ungarn überhaupt zuteil werden. Meine Spirits sind da und zeigen
sich mehr als üblich in der alltäglichen Wirklichkeit. Nur verstehe ich
sie nicht.
Bald finden sich dann die ersten Ungaren ein und so sammeln wir unsere sieben Sachen und holpern über die Pusta in der Nähe der Donau.
Wir trommeln in der Pusta, einmal auch an einer ganz gewöhnlichen Stelle, ohne viele Bäume. Es ist für uns Schweizer schon ein Erlebnis, irgendwo zu stehen und rundherum den Horizont in weiter Ferne zu erblicken. Das kann man gar nicht alles auf einmal aufnehmen. Es gibt mehr Seiten, als nur Nord-Ost-West-Süd.
Energetisch hier zu arbeiten, sich so quasi seinen eigenen Raum zu schaffen, mit dem Wissen und dem Erspüren, was um einen rum ist, gestaltet sich viel schwerer, wenn da wirklich auf einmal so viel Platz ist.

23. Juli 2007 Ein neuer Ritualplatz
Nebel liegt auf dem See und steigt zur erwachenden Sonne auf.
Nur ansatzweise kann das die Kamera wiedergeben. Wir täuschen uns in
der Annahme, lange alleine zu bleiben. Es ist auch in Ungarn
Ferienzeit. Doch das tut uns nichts ab und mit dem dahinschwindenden
Nebel entschwinden auch wir dem See. Unser Schrittempo mit dem Auto
führt uns an einen bisher unbekannten Platz, in welchen wir uns sofort
verlieben und das nicht nur wegen seiner Abgeschiedenheit. Der Platz
liegt direkt an der Donau und ein Baumkreis markiert unseren neuen
Ritualplatz. Freudig begrüssen wir den Platz, der wie für uns gemacht
ist.
Uns direkt an der Donau in aller Stille zu reinigen ist wunderschön.
Die Donau selbst hilft uns und trägt alles, was nicht hingehört, gleich
mit sich mit. Ein guter Platz, den wir würdevoll in Ehren halten.
Thalia ruft die Geister herbei. Die Idee ekstatischen Reisens erwacht
auf diesem runden Platz. So trommle ich für Thalia, die sich auf dem
kleinen Platz (ca. 3 mal 3 Meter) im Kreise dreht. Erst langsam, dann
schneller, bis ihr mehrfach schwindelig wird. Loslassen vom Leben,
Loslassen von der Kontrolle, Loslassen vom festen Stand und vom
Festhalten an der Realität. Schamanisches Reisen kommt dem Sterben
gleich, die Schwelle zur anderen Realität zu überschreiten.
Aus dem Norden beginnt Thalia etwas wahrzunehmen. Etwas starkes, aus dem Gebüsch. Mit einem Stecken in der Hand als Verlängerung des Armes ertastet sie ihre Umwelt. Und immer wieder drehen, dazuwischen eigenes Trommeln und wieder drehen. Ein guter Reiseansatz, den man ausbauen kann.

26. Juli 2007 Rituale an der Donau
Den Ritualplatz an der Donau reinigen wir mit Feuer und Rauch,
danach mit einer Salbeiräucherung. Um uns zu halten, eruieren wir mit
dem Kompass genau die Himmelsrichtungen und malen diese mit einem Stein
auf den Boden. Das Rufen der Geister bringt uns im Osten ein
Pentagramm, im Süden Thalia’s Hirschen, im Westen Thalia’s Adler (sehr
nahe) und einen Esel, im Norden Wanderer’s “V” von seinem Heilplatz und
einen Lehrer von Wanderer. Von oben haben wir keine klare Wahrnehmung,
ebenso von unten.

Erneuter Erdungsversuch.
Thalia liegt auf dem Zeremonienplatz in der Mitte, die wir
vorher gekennzeichnet haben, als wir die Himmelsrichtungen
kennzeichneten. Über ihre Augen legen wir ein T-Shirt. Wanderer
trommelt und obschon er leise trommeln wollte, haben die Geister das
Trommeln schnell in die Hand genommen. Ich höre die Fische in der Donau
springen und den Hirsch von Thalia im Gebüsch röhren. Erst denke ich,
es handle sich um ein Motorboot, aber da war keines. Das Geräusch
stammte vom Hirschen. Der Hirsch und der Adler begleiten Thalia in die
Erde hinab, nachdem ich die Richtung vorgab und Thalia in die Erde
drückte.
Thalia: “Ich bemerkte, dass ich am Bauch umklammert wurde und im Boden verankert wurde. Ich konnte mich nicht wehren und ich hatte aus das Gefühl, dass mir an den Händen Wurzeln wachsen. Mein Kopf wurde zu einem Baumstamm. In diesem Gefühl liessen mich meine Krafttiere verweilen.”
Es war eine Erdung, die nicht sehr tief ging und die so quasi “unten gehalten” werden musste. Der Boden ist zu weich, zu löchrig. Er hallt, läuft man darüber, als sei er komplett hohl. Dies ist an allen Orten, an welchen wir in Ungarn waren so, nicht nur in Donaunähe. Der Boden, respektive die obere Schicht lässt keine Erdung zu, weil es nur Erde ist, die auf der Erde liegt. Ohne Halt.
Im Anschluss trommle ich nochmals für Thalia, die sich dreht und dreht und dann hinlegt. Das Drehen bleibt ihr lange im Kopf, auch im Liegen. Keine Reise. Danach versuchen wir es nochmas mit Stampfen auf dem Boden, zur Drehung dazu.
Kurze Behandlung bei Floh
Gestern auf dem Boot hat sich Floh eine leichte Erkältung
zugezogen, was sich in einer Art röchelnden Husten äusserte. Zudem
tränten ihre Augen. Ein Schmetterling zeigt mir den Ort, wo sich der
Boden auftun wird und das, was weg soll, hineinfliessen kann und dort
abtransportiert wird.

Ich räuchere Floh mit einem Büschel weissen Salbeis. Das leicht angesengte Fell wird schnell gelöscht *g*
Mit der Reiserassel taste ich Floh rasselnd ab und leite direkt in den
lockeren Boden, was wegfliessen kann und soll. Die wegfliessenden Teile
sehen aus wie dunkelbrauner Schleim.
Eine Reise offenbart mir, was geschehen ist. Floh hat hier in Ungarn
die Rolle des Kranheitsübernehmers zu spielen angefangen. So quasi:
geteiltes Leid ist zwar gut, aber gib mir doch gleich alles. Das
Augenproblem hat sie dem ungarischen Onkel Ferry abgenommen. Dieses
konnte schnell und ohne grössere Probleme in zwei mitgenommene
Bergkristalle gezogen werden, welche ich von den Augen weg direkt auf
den Boden fallen liess. Durch den Aufprall entwich sogleich alles aus
den Kristallen in den Boden. Ohne grosses Zutun, einfach weil es so
sein sollte. Die Donau riss unterirdisch gleich alles mit. Der
Abfallkanal so quasi. Vielleicht nennt man das schwarze Meer schwarz,
weil der ganze Abfall da rauskommt.
Es ist zu bemerken, dass sich der Boden in Ungarn sehr gut für ein
Ableiten eignet. Läuft man darauf, oder Floh springt darüber, so hört
man, wie der Boden hohl ist. Überall in der Natur finden sich kleine
Löcher, die auf eine unterirdische Mäusewelt hinweisen. Durch die
Kanäle sind gute Wege geschaffen in die obere Erdschicht hinein.
Die Behandlung von Floh schlug schnell an und alle Beschwerden verflogen noch am selben Tag.

28. Juli 2007 Ungarn, das Land aus alter Zeit
Erst in der Verlängerung unserer Ferien wird mir auf einer Reise klar,
was dieses Land ausmacht. Ich benutzte eine Methode, die ich vor x
Jahren verwendete, damals um in der Welt etwas zu verändern (magische
Praxis).
Zumindest in diesem Landstrich von Ungarn, um Mosonmagyarovar bis
Dunaremete an der Donau, ist eine absolute Trennung der Elemente nicht
nur spürbar, sondern andersweltlich vollzogen. Das Land liegt
mehrheitlich flach da, erhebt sich lediglich in Bäumen und Sträuchern,
um aufzupassen, dass nichts das Land stört. Diese Wächter des Landes
lieben alles, was Ruhe in sich trägt. Und das nehmen sie sich einfach.
Unruhiges wird gemieden, doch wenn es zuviel wird, schluckt die Erde
schlichtweg den Angreifer. Und dabei ist es froh um Hilfe. Die Erde ist
sehr vorsichtig und lässt einiges mit sich machen, doch die Geister in
der Erde wehren sich gnadenlos gegen zuviel unruhige Boshaftigkeit.
Das Wasser in den Seen ist verbunden mit dem Erdreich und beherbert
Verbindungen tief in die Erde hinein, tiefer als wir bei uns graben
können.
Von der Luft ist das Land vollständig abgeschnitten, es will nichts von
ihr wissen. Der ewige Wind in Ungarn, der nirgends Halt findet, ist ein
steter Reisender. Eine Heimat findet er hier nicht und ist auch nicht
wirklich daran interessiert, da er die Ablehnung der Erde gegen die
Luft spürt. Es ist eine Allianz der Nicht-Einmischung.

Die Erdgeister, die sich teilweise in grossen Bäumen und Büschen zeigen
und wie gesagt an der Oberfläche aufpassen, sind in ruhender
Angriffshaltung. Nicht Verteidigung, sondern drohende Angriffshaltung.
Was von oben kommt, ist nicht erwünscht. Was weg soll, wird in Donaunähe weggebracht, alles fliesst, ruhig und beständig, aber ohne Halt. Einmal eingefangen, entkommt nichts mehr.
Ich durfte auf meiner Reise zum elementaren Sein dieser Gegend den
Mechanismus sehen, den das Land anwendet, um Unliebsames zu entfernen.
Mir ist nun endlich auch klar, was das für Wesen sind, die mir ab und
zu in der Schweiz begegnen. In meiner Wahrnehmung sind es
Ausserirdische mit grossen, dunklen und wässerigen Augen, dünnen Armen
mit wenigen, langen Fingern. Eines der Wesen kam aus dem See, an dem
wir uns viel aufhielten und nahm an sich, was sich im Innern von
Unliebsamen befindet. Es reisst das Innerste hinaus, die Eingeweide von
Üblem.
Es sind Abfallbeseitiger, Aasfresser wie Hyänen oder Aasgeier.
Mit ihnen verhält es sich wie bei den Insekten, die einem helfen
können, zu heilen. Man ruft sie nicht, man tritt nicht mit ihnen in
Kontakt. Aber man nimmt einander wahr, weiss, dass sie wissen und für
kurze Zeit arbeitet man Hand in Hand. Danach gehen sie wieder, schauen
einem an beim Gehen und entschwinden. Das Wesen, welches ich sehen
durfte, versank langsam wieder im See, mitnehmend, was es ergattert hat.
In ihrem Tun spiegelt sich eine Art höhere Gerechtigkeit der Natur.
Hinter ihnen steht die Wahrheit, das Leben, der Tod, das Sterben und
Vergehen. Die Natur selbst. Alles wird, alles vergeht. Und alles ist in
Fluss. Jeder nimmt sich, was er braucht und will.
Wenn mir wieder mal so ein Wesen begegnen sollte, werd ich wissen, dass
da etwas ist, das sterben soll und Platz für anderes machen soll. Und
sei es der Abfall einer Extraktion. Davon leben sie.
So fangen gewisse Heilreisen auch Sinn zu machen, in denen sie
auftauchten. Bislang hab ich sie weggeschickt, verscheucht. Doch es ist
besser, ihnen einen Platz zu weisen und ihnen zu gestatten, die
hingeworfenen Abfälle zu empfangen.
Ich bin froh über die Verlängerung der Ferien, durfte ich doch diese
Reise machen und Teil der Natur, Teil der Gerechtigkeit und Wahrheit
sein. Alles hat einen Grund, und vielleicht war der Grund für die
Verlängerung mein Mitwirken bei einem natürlichen Vorgang.
Alle gesammelten Steine vom See, inklusive Feder bringen wir zurück.
Dieses Land will für sich sein, und das Wegnehmen von Land ist eine
Verletzung der Ruhe. Zwar geduldet, aber nicht erwünscht. Tabak wird
gerne genommen, aber als Heilung für die Erde und nicht als Tausch für
Erde. Die Erde hält uns für unfähig, ihr zu helfen. Unwürdig, etwas zu
geben. Es wird genommen, ohne Dank oder Beziehung.
Die Donau eignet sich wundervoll für den Abtransport von allem, was weg
soll. Heilreisen dort sind genau am rechten Ort. Das hab ich bei einer
Heilreise für Floh, die sich aufgrund der Klimaanlage und der
Bootsfahrt eine Erkältung zuzog. Die Heilreise hab ich dort gemacht,
und es ging mir noch nie so einfach und fast wie von selbst von Statten.
In der Anderswelt sind die meisten Büsche nicht dort, nur die Bäume.
Sand, durchlöchert von Mäusen. Alles fliesst, runter und weg mit der
Donau.
Das Land, auf welchen wir in Ungarn gehen, ist lose Erde, die das
bedeckt, was wir bei uns gar nicht spüren. Da ist eine wilde, blutend
pochende Erde unter uns, die in Ungarn nur wenige Meter überdeckt ist.
Geschöpfe aus alter, wirklich alter Zeit sind dort. Diese wirken fremd,
abgewandt. Es gibt keine Kommunikation mit ihnen, diese ist auch nicht
gewünscht. Wir haben da sowas von gar nichts zu suchen. Vielleicht
trifft es die Beziehung zu Insekten am ehesten: wir verstehen sie
nicht, können nicht hineinfühlen. Es sind andere Wesen. Auch nicht zu
vergleichen mit andersweltlichen Drachen, wie sie mir bislang begegnet
sind. Ganz anders. Fremd und grösser, als wir sie wahrnehmen können.
Wir wandeln auf einem Planeten, der nicht für uns geschaffen wurde. Der
Kern ist uns fremd, fremder als wir uns ersinnen können. In Ungarn ist
der Boden so dünn, dass dies spürbar wird. Unsere schöne, sichtbare
Welt an der Oberfläche ist so klein dagegen. Wir sind geduldet, weil
wir gar nicht wichtig sind.
Leben und Tod werden nicht unterschieden. Es ist egal, es ist
unbekannt, dies zu unterscheiden. Das was gerade jetzt passiert, das
ist. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Nur jetzt. Aus unserer
künstlichen Moral heraus würden wir es “böse” nennen, doch das ist es
nicht, weil es das Wort “böse” gar nicht gibt. Dazu braucht es
Vergangenheit. Doch die ist nicht. Vieles erscheint grausam, aber es
ist schlichtweg die Natur der Erde selbst.
Wir spüren Verlorenheit, keine Zugehörigkeit zur Welt in Ungarn und
sind nach zügiger Durchfahrt durch Österreich froh, wieder einige
hundert Meter Gestein unter den Füssen zu haben, weiter weg vom Kern
der Erde.
Uns schauderts.