Einführung in den Schamanismus

Es gibt keine gültige Definition von Schamanismus. Ein -Ismus beinhaltet immer eine Lehre. Beim Schaman-Ismus fehlt diese. Das erlaubt es vielen, eigene Lehren zu verbreiten und sich etwas auszudenken. Das heutige, westliche Bild vom Schamismus empfinden wir als stark verzerrt. Jeder kann sich Schamane und Schamanin nennen und damit grossen Unfug anstellen. Gibt es denn grundlegende Aussagen über Schamanismus?

Schamanistische Grundlagen

Michael Harner hat einige schamanische Völker bereist und sich Gemeinsamkeiten der Techniken und Weltbilder notiert. Etwas ist erstaunlich: bei vielen schamanischen Kulturen wird in einem bestimmten Takt Musik gemacht. Die Frequenz der Trommelschläge, Rasseln, Holzstäbe, Glöcklein usw. liegt um die 240 bpm. Das sind vier Schläge in der Sekunde. Unabhängig voneinander hat sich dieser Rhythmus eingestellt. Was bewirkt ein solcher Takt?
Wir stellen es modellarisch dar: es gibt eine linke und eine rechte Gehirnhälfte. Wenn wir dich zum Beispiel bitten, eine Sekunde lang nicht an einen rosaroten Elefanten zu denken, dann hast du ihn mit grosser Wahrscheinlichkeit gesehen. Mister Links, also die linke Gehirnhemisphäre versteht Sprache und fragt Mr. Rechts, ob er etwas von einem rosaroten Elefanten wisse. Dieser ist eher bildlich orientiert und malt den Elefanten hin. Natürlich verläuft die Kommunikation im Gehirn viel differenzierter, als Modell kann sie hier für das weitere Verständnis reichen. In der Mitte zwischen Mr. Links und Mr. Rechts befindet sich ein Organ, das sogenannte Corpus Callosum. Es ist in der Regel recht klein, steuert aber die Kommunikation der beiden Hirnhälften. Hirnstrommessungen zeigen, dass das Corpus Callosum bei 240bpm schlafen geht. Sein Einwirken wird kleiner oder entfällt komplett. Damit ergibt sich eine komplett andere Möglichkeit, die Welt um sich herum wahrzunehmen. Das kann man sich wie ein Drogeneinfluss vorstellen. Damit sind wir bei den anderen schamanischen Völkern, die auf diese Weise versuchen, ihre Wahrnehmung zu ändern. Bestens bekannt ist Ayahuasca und Peyote, aber auch unter LSD sind ähnliche Wahrnehmungen aufgezeichnet.

Schamanische Trance

Die Wahrnehmung in schamanischen Trancezuständen – sei es durch den 240er Schlag induziert oder sonst irgendwie – erlaubt erstaunliche Dinge. Unser Gehirn ist im Normalzustand auf die Fähigkeit limitiert, drei Dinge miteinander vergleichen zu können. Stell dir einen Würfel vor, dessen obere Fläche du siehst. Es liegt die Vier oben. Du kannst immer nur drei Punkte miteinander vergleichen. Dass der vierte Punkt da ist, das weisst Du. Aber vergleichen geht nur mit dreien.
Anders ist das in schamanischer Trance. Die Dinge verschwimmen ineinander und bilden in der Wahrnehmung eher ein Ganzes. Es wird möglich, vier oder mehr Dinge in Relation zu setzen und zu vergleichen. Ein Schauspiel tut sich auf, an das sich unser normales Denken erst einmal gewöhnen darf. Unter professioneller Anleitung kann man schnell diese andere Art der Weltwahrnehmung in den Griff bekommen, ohne dabei zu seltsamen Schlussfolgerungen zu kommen, die einem das Leben schwer machen würden. Wir kennen leider viele – zu viele Menschen, die nach reinen Selbstversuchen in eine Art Verzerrung der Weltwahrnehmung geraten sind und schliesslich in psychologische Behandlung mussten. Es ist nicht einfach, mit einer völlig anderen Perspektive mit der Welt noch klar zu kommen. Wir raten jedem vor Selbstversuchen ab.

Subjektive Gemeinsamkeiten der Wahrnehmung

Jede Wahrnehmung in schamanischer Trance ist subjektiv. Sie hängt immer vom eigenen Befinden und den eigenen Gedankenmustern ab. Eine Wahrnehmung nicht zu interpretieren ist eine Grösse, die man sich von Grund auf erarbeiten muss. Unser Gehirn ist von Urzeiten her darauf getrimmt, sofort etwas zu bewerten und einzuordnen. Dies nicht zu tun, ist fast schon übermenschlich. Eine schamanische Reise, also ein sich Bewegen in den sogenannten Anderswelten, wird meist sehr bunt mit vielen einzelnen Untererlebnissen beschrieben. Es ist von aussen betrachtet sehr schwer, Rückschlüsse ziehen zu können. Die seelische Verfassung eines Reisenden und einer Reisenden ist für die Wortwahl der Erzählung einer Reise entscheidend. Denn auch beim Erzählen haben bereits Tausende von Bewertungen stattgefunden. Je länger der Zeitraum zwischen Reise und Aufschreiben, je höher der Interpretationsfaktor und damit die Verfälschung des tatsächlich Erlebten.
Welche Gemeinsamkeiten vieler Reiseberichte finden sich:

Es ist der Subjektivität geschuldet, dass es zu keiner gültigen Definition über Schamanismus kommen kann. Jeder Mensch ist anders und nimmt Dinge anders wahr. Die Gemeinsamkeiten der subjektiven Erlebnisse lassen darauf schliessen, dass die Welt aus schamanischer Trance betrachtet einige Möglichkeiten in sich birgt, Einfluss auf sie zu nehmen, die sich unserer logischen Struktur entziehen. Ob dem wirklich so ist, wird schwer zu beweisen sein. Mit Schamanismus zu arbeiten ist immer mit einem Unsicherheitsfaktor verbunden. Die Gefahr einer Lehre oder einer Theorie besteht in der Stabilität ihrer Axiome.


Kommentare
  • Schamanenstube
    Schamanismus gibt es in vielen Kulturen. Überall sind schamanische Techniken anders, und dennoch ähneln sie sich stark. Wer sich dafür interessiert, wird früher oder später bei einigen Punkten ankommen. Schamanismus ist Erleben: in Trancezuständen begibt man sich gezielt in andere Realitäten. Das Herbeiführen dieser Trancen geht bei jedem mit gewissen Rhythmen. Allgemein beschreibt man diese Rhythmen als sich stetig wiederholende Klänge, im Bereich von 160 bis 240 Schlägen pro Minute. Dazu eigenen sich besonders Trommeln, aber auch anderes ist denkbar. (Hier eine Gratis Schamanentrommel-CD zum Runterladen.) Hat man die Trance erreicht, besteht die Möglichkeit, mit seinem ganzen Empfinden, seinem Sehen, seinem Hören, Fühlen und Riechen andere Dinge wahrzunehmen. Dies nennt sich eine schamanische Reise. Man kann zu seinen Geistern reisen, mit ihnen diskutieren und Probleme mit ihnen gemeinsam lösen. Es besteht auch die Möglichkeit, in Geistwelten anderer (immer mit vorhergehendem Nachfragen) zu reisen und dort Hilfe zu bringen. Das eigene Erleben und Erfahren dieser Welten verändert die Wahrnehmung der Welt. Jeder erfährt selbst diese Dinge und muss sie nicht aus Büchern oder Lehren herbeiziehen. Am Ende steht Schamanismus für ein Weltbild, das man selbst erfährt.

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